Marie van Goethem – die kleine Tänzerin, die unsterblich wurde
Arme Anfänge
Marie Geneviève van Goethem wurde am 7. Juni 1865 in Paris in eine Familie belgischer Einwanderer geboren. Ihr Vater war ein einfacher Schneider, und ihre Mutter arbeitete als Wäscherin. Die Familie lebte im 9. Arrondissement, unweit der Pariser Oper, in einem Milieu, das nur wenige Möglichkeiten bot, der Armut zu entkommen. Sie hatte zwei Schwestern – Antoinette und Charlotte. Während Antoinette später mit dem Gesetz in Konflikt geriet, wurde Charlotte Solistin des Pariser Balletts und später auch eine anerkannte Pädagogin.
Der Weg zur Ballettschule
Im Jahr 1878, im Alter von dreizehn Jahren, trat Marie van Goethem in die Ballettschule der Pariser Oper ein. Wie viele andere Mädchen aus armen Verhältnissen gehörte sie zu der Gruppe, die als les petits rats – „die kleinen Ratten der Oper“ bekannt war. Diese Mädchen wurden von klein auf auf eine Ballettkarriere vorbereitet. Die Bedingungen waren hart: anstrengendes Training, strenge Disziplin – und zugleich der Druck der finanziellen Lage der Familie, die oft damit rechnete, dass die Töchter den Haushalt später mit ihrem Einkommen unterstützen würden.
Marie debütierte um 1880 als Mitglied des Corps de ballet. Damals begann sie regelmäßig hinter den Kulissen der Oper zu erscheinen, wo der Maler Edgar Degas auf sie aufmerksam wurde.

Degas und seine kleine Ballerina
Degas suchte seine Inspiration nicht in den glänzenden Posen auf der Bühne, sondern in den gewöhnlichen Momenten hinter den Kulissen: wenn Tänzerinnen ihre Kleidung richteten, ausruhten, sich dehnten oder einfach warteten. Marie wurde zu einem seiner bevorzugten Modelle. Sie stand ihm für Zeichnungen, Gemälde und für die berühmte Skulptur „Die kleine vierzehnjährige Tänzerin“ (La Petite Danseuse de Quatorze Ans) Modell.
Diese Wachsplastik wurde erstmals 1881 auf der sechsten impressionistischen Ausstellung gezeigt. Degas schuf sie mit ungewöhnlichem Realismus: ein echtes Balletttütü, ein Satinband, sogar echtes Haar. Das Publikum war schockiert. Kritiker beschrieben sie als „hässlich“, „tierhaft“ oder sogar „abstoßend“. Das Mädchen war nicht idealisiert – sie war dünn, knochig, mit scharfen Zügen und einem harten Blick. Degas zeigte die Realität des Lebens der kleinen Tänzerinnen und durchbrach damit die damaligen Vorstellungen von Schönheit und Kunst.
Skandal und Unsterblichkeit der „kleinen Tänzerin“
Die Reaktionen auf der Ausstellung waren stürmisch. Einige sahen in der Skulptur einen genialen künstlerischen Akt, andere hielten sie für eine Beleidigung des guten Geschmacks. Nach Degas’ Tod wurden nach dem Wachsoriginal Bronzegüsse angefertigt, die heute zu den bekanntesten bildhauerischen Werken des 19. Jahrhunderts zählen. Dadurch blieb der Name Marie van Goethem für immer mit der Kunstgeschichte verbunden.
Das rätselhafte Schicksal von Degas’ „Muse“
Ihre eigene Lebensbahn war jedoch nicht so ruhmreich. 1882 wurde Marie wegen häufiger Fehlzeiten aus dem Ballett ausgeschlossen. Aus den offiziellen Aufzeichnungen verschwindet sie danach nahezu vollständig. Historiker vermuten, dass sie in Anonymität endete oder in das Pariser Unterweltmilieu geriet, in dem viele ehemalige petits rats ihren Lebensunterhalt in der Prostitution fanden. Ihre Schwester Antoinette wurde tatsächlich des Diebstahls beschuldigt und hatte Probleme mit dem Gesetz – was die Vermutungen über das schwierige Schicksal der Familie zusätzlich nährt.
Symbol für das harte Leben der Balletttänzerinnen
Wie auch immer ihr weiteres Schicksal gewesen sein mag, Marie van Goethem bleibt bis heute ein Symbol für das harte Leben junger Balletttänzerinnen im 19. Jahrhundert. Die Skulptur „Die kleine vierzehnjährige Tänzerin“ wurde zu einer Ikone des Realismus und zeigte, dass Kunst nicht nur idealisieren, sondern auch Wahrheit sichtbar machen kann.
So wurde Marie – trotz ihres kurzen und vermutlich schweren Lebens – unsterblich: als Erinnerung an das, was sich hinter dem Vorhang des Glanzes der Pariser Oper verbarg.













