Jules-Joseph Perrot – der Ballettmeister auf Degas’ Gemälde „Die Tanzklasse“
Kindheit und erste Schritte auf der Bühne
Jules-Joseph Perrot wurde am 18. August 1810 in Lyon in Frankreich geboren. Schon in sehr jungem Alter zeigte sich bei ihm ein außergewöhnliches Talent für den Tanz. Im Alter von neun Jahren begann er sein Studium bei Auguste Vestris, der zu den berühmtesten Tanzmeistern seiner Zeit gehörte. Das strenge Training und die traditionelle französische Schule gaben ihm ein solides Fundament, auf dem seine spätere Karriere aufbauen konnte.
Paris, London und europäische Erfolge
Perrot debütierte 1830 als Erster Tänzer an der Pariser Oper. Sein energiegeladener Ausdruck, seine ausgeprägte Mimik und sein Sinn für dramatisches Erzählen hoben ihn bald von anderen Tänzern ab. In den Jahren 1835–1841 wirkte er als Solist und Choreograf in London, Mailand und anderen europäischen Städten. In dieser Zeit schuf er einige seiner bedeutendsten Choreografien, die zu Grundlagen des romantischen Balletts wurden.
Die bekannteste darunter ist „Giselle“ (1841), bis heute als Juwel des internationalen Repertoires betrachtet. Gemeinsam mit Carlotta Grisi, seiner Partnerin auf der Bühne und im Leben, formte er ein Werk, das Liebe, Tragik und eine übernatürliche Welt verbindet. Ein weiterer Meilenstein war „Pas de Quatre“ (1845), eine Inszenierung, die vier der damals größten Ballettstars auf eine Bühne brachte – Taglioni, Grisi, Cerrito und Grahn. Diese einzigartige Konstellation wurde sofort zum Triumph und schrieb Perrot in die Geschichte ein.

Sankt Petersburg und die Formung der russischen Schule
Ab 1848 nahm Perrot eine Stelle als Ballettmeister in Sankt Petersburg an, wo er über zehn Jahre wirkte. In Russland heiratete er seine Schülerin Capitoline Samovskaya, mit der er zwei Kinder hatte. Sein Einfluss auf das russische Ballett war grundlegend: Er legte großen Wert auf dramatisches Erzählen und technische Reinheit – Grundpfeiler einer Tradition, auf der später Marius Petipa und andere Choreografen aufbauten. So bereitete Perrot indirekt den Boden für das „goldene Zeitalter“ des russischen Balletts.
Rückkehr nach Paris und Degas’ Gemälde
Nach 1861 kehrte Perrot nach Paris zurück und wurde Lehrer an der neu errichteten Opéra Garnier. Dort besuchte ihn Edgar Degas, fasziniert von den Kulissen und dem Leben der Tänzer. 1874 verewigte er Perrot in seinem Gemälde „La Classe de danse“ („Die Tanzklasse“). Auf der Leinwand sehen wir den alten, aber noch immer energischen Meister, der junge Balletttänzerinnen unterrichtet – ein Symbol für die Verbindung von Tradition, Disziplin und der alltäglichen harten Arbeit. Degas verherrlichte damit nicht den Glanz der Bühne, sondern zeigte die wirkliche Mühe und die Persönlichkeit eines Mannes, der im Hintergrund der Ballettwelt stand.
Die letzten Jahre und das Vermächtnis
Jules-Joseph Perrot starb am 29. August 1892 in Paramé (heute ein Teil von Saint-Malo) im Alter von 82 Jahren. Er hinterließ ein gewaltiges Werk – nicht nur als Tänzer und Choreograf, sondern auch als Pädagoge, der ganze Generationen prägte. Seine Choreografien „Giselle“, „La Esmeralda“ und „Ondine“ gehören bis heute zum Repertoire der bedeutendsten Ballettbühnen der Welt.
Perrots Lebensgeschichte ist ein faszinierendes Zeugnis der Epoche des romantischen Balletts. Er war ein Künstler, der dramatische Kraft mit technischer Vollendung verband – und ein Mann, der sich nicht nur durch seine Werke, sondern auch durch Degas’ Gemälde in die Geschichte eingeschrieben hat. Dadurch kennen wir ihn heute nicht nur als Schöpfer legendärer Ballette, sondern auch als eine Persönlichkeit, die an den Anfängen der modernen Balletttradition stand.













