„Les petits rats de l’Opéra“ – die kleinen Ratten der Pariser Oper

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Pariser Ballett zugleich Teil des Glanzes und der dunklen Seite der Stadt. Im Gebäude der Salle Le Peletier, in der die Pariser Oper bis 1873 untergebracht war, trainierten und traten Hunderte junger Tänzerinnen auf. Die jüngsten Ballettschülerinnen wurden „les petits rats“ genannt – die kleinen Ratten der Oper. Es waren Mädchen im Alter von acht bis vierzehn Jahren, die in die Ballettschule der Pariser Oper aufgenommen worden waren. Der Spitzname sollte ihre stille, aber allgegenwärtige Bewegung hinter den Kulissen symbolisieren – ähnlich wie Ratten in alten Theatergebäuden.

Für die meisten von ihnen war es kein Traum von der Tanzkunst, sondern eher eine Notwendigkeit. Sie stammten aus armen Familien, und das Ballett bedeutete für sie die Hoffnung auf einen besseren Lebensunterhalt oder zumindest auf finanzielle Unterstützung durch Mäzene.

Der harte Alltag und die Pflichten der jungen Balletttänzerinnen

Das Leben der jungen Tänzerinnen war unerbittlich und von strenger Disziplin geprägt.

Morgendliches Training an der Ballettstange – ab acht Uhr, mit großem Wert auf Präzision, Körperhaltung und Disziplin.
Schulunterricht – direkt in den Räumen der Oper, da die Mädchen noch minderjährig waren.
Ballettproben am Nachmittag – Einstudierung mit dem Orchester, Auswahl für die Abendvorstellungen.
Abendvorstellungen – selbst die jüngsten Mädchen traten in Massenszenen auf und blieben bis in die Nacht im Theater.

Darüber hinaus mussten sie ihre Spitzenschuhe selbst pflegen und ausbessern, Trainingskleidung nähen oder reparieren und ihre Frisuren in Ordnung halten. Eine Balletttänzerin war damals nicht nur Tänzerin, sondern zugleich auch ihre eigene Garderobiere.

Der Tagesablauf der Ballettschülerinnen

Die Mädchen standen sehr früh auf, um rechtzeitig in der Oper zu sein. Sie trainierten auf alten Holzböden, oft in Tanzsälen ohne ausreichende Beheizung. Der Ballettmeister (maître de ballet) war kompromisslos – er bestrafte mit Schreien und manchmal sogar mit körperlichen Strafen, was damals nichts Ungewöhnliches war.

Hierarchie im Ballettsaal

Die älteren Schülerinnen genossen eine bevorzugte Stellung, und die jüngeren mussten gehorchen. Jede Ballettschülerin träumte davon, eines Tages aus den „kleinen Ratten“ in das Corps de ballet aufzusteigen – die erste wirkliche Etappe einer professionellen Laufbahn.

Aufsicht und Disziplin in der Ballettschule

Bei den Proben war auch eine Aufsichtsperson anwesend, die das Verhalten der Mädchen überwachte. Schon das kleinste Vergehen – Unpünktlichkeit, ein verlorenes Kostüm oder mangelnde Disziplin – konnte eine Lohnkürzung oder den Verlust einer Rolle bedeuten.

Körperliche Folgen und Erschöpfung der jungen Tänzerinnen

Das ständige Wiederholen der Übungen führte zu Verletzungen an Gelenken und Füßen. Moderne Physiotherapie gab es nicht – Schmerzen behandelten die Balletttänzerinnen mit Umschlägen, manchmal auch mit Alkohol. Langfristige Erschöpfung war alltäglich, da die Kinder auch abends nach dem Unterricht noch trainierten.

Unterkunft, Ernährung und die Kosten der Ballettausbildung

Die meisten der kleinen Balletttänzerinnen lebten mit ihren Familien in den Armenvierteln von Paris und gingen täglich zu Fuß zur Oper, oft über mehrere Kilometer. Die Oper stellte weder Unterkunft noch Verpflegung zur Verfügung – all das mussten die Familien aus sehr bescheidenen Mitteln selbst aufbringen. Der Lohn der Anfängerinnen war so gering, dass er kaum die grundlegenden Bedürfnisse deckte, und deshalb litten viele Mädchen an Unterernährung.

Die für das Training notwendige Ausstattung, wie Spitzenschuhe und Übungskleider, mussten sie auf eigene Kosten beschaffen. Die Schuhe wurden von den Mädchen selbst umgenäht und bis zum völligen Verschleiß immer wieder repariert, denn neue waren für die meisten Familien zu teuer. Zwar stellte die Oper Bühnenkostüme für die Abendvorstellungen zur Verfügung, doch die Alltagskleidung und das Schuhwerk blieben vollständig Sache der Eltern. Dieses Missverhältnis und der ständige finanzielle Druck verstärkten nur die Abhängigkeit der Balletttänzerinnen von der Gunst wohlhabender Mäzene und Abonnenten, die ihre Lebensbedingungen oft stärker bestimmten als die eigentliche Opernleitung.

Die soziale Realität und die Abonnenten der Pariser Oper

Die Abonnenten der Oper – wohlhabende Besitzer von Logen – hatten im 19. Jahrhundert vergleichsweise freien Zugang zum Ballett hinter den Kulissen. Oft wählten sie sehr junge Tänzerinnen als ihre „Schützlinge“ aus und unterstützten sie finanziell im Austausch gegen ihre Gunst. In der Pariser Gesellschaft wurde dies stillschweigend geduldet; für arme Familien war es mitunter ein Mittel zum Überleben, für die Mädchen jedoch oft ein schweres und abhängiges Schicksal.

Interessante Tatsachen aus dem Leben der Balletttänzerinnen

Die Proben dauerten bis zu sechs Stunden täglich – unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand.

Die Balletttänzerinnen erhielten nur einen geringen Lohn, der oft nicht einmal für Nahrung und Kleidung ausreichte.
Einige Mädchen litten an Unterernährung und Krankheiten – Tuberkulose war häufig; auch Verletzungen durch das harte Training waren keine Ausnahme.
In die Ballettschule wurden Mädchen bereits ab acht Jahren aufgenommen; nur eine kleine Minderheit wurde später zu Stars, die meisten schieden nach einigen Jahren ohne große Karriere aus oder endeten in den dunklen Etablissements des damaligen Paris.

Veränderung unter einem neuen Operndirektor

Die Situation der Balletttänzerinnen begann sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu verändern, insbesondere nach 1894, als sich die Leitung der Oper unter Pedro Gailhard stärker auf die Regulierung des Backstage-Bereichs und die Einschränkung des direkten Einflusses der Abonnenten auf das Ballettensemble konzentrierte. Der Zugang wohlhabender Männer hinter die Kulissen des Balletts wurde nach und nach strenger geregelt, und die öffentliche Kritik an den unausgesprochenen „moralischen Praktiken“ nahm zu. Die Professionalisierung dieses Umfelds zog sich jedoch noch über Jahrzehnte hin.

Edgar Degas als Zeuge der Ballettwelt hinter den Kulissen

Edgar Degas hielt die Balletttänzerinnen gerade in der Zeit ihrer größten Verletzlichkeit fest. Seine Zeichnungen, Pastelle und berühmten Ölgemälde zeigen nicht nur die Leichtigkeit der Bewegung, sondern auch die Müdigkeit, die Anspannung und die Disziplin des alltäglichen Ballettdrills. Dank seiner Werke besitzen wir bis heute ein authentisches Bild vom Leben der „kleinen Ratten“ – einer Welt voller Schönheit, aber auch voller Ungleichheit und harter Realität hinter den Kulissen.

Degas war kein sentimentaler Bewunderer, sondern vielmehr ein genauer Beobachter. Er verbrachte Zeit hinter der Bühne, bei Proben und während der Pausen. Ihn faszinierten die unscheinbaren Momente: Balletttänzerinnen, die ihre Spitzenschuhe zurechtziehen, ihren Ballettrock ordnen oder einfach ungeduldig auf ihren Einsatz warten. In seinen Zeichnungen und Pastellen sieht man nicht nur die Eleganz der Tänzerinnen, sondern auch Müdigkeit, Anspannung und manchmal sogar Nervosität.

Einen besonderen Platz nimmt die Geschichte von Marie van Goethem ein, dem Modell für die berühmte Skulptur Die kleine vierzehnjährige Tänzerin. Sie war eine einfache Schülerin der Ballettschule, deren Lebensweg ohne großen Ruhm endete – doch dank Degas wurde sie zu einer unsterblichen Ikone. Die Skulptur der kleinen Tänzerin schockierte damals Paris: Sie war realistisch, ohne Idealisierung, mit echtem Ballettrock und einer Perücke aus echtem Haar. Kritiker schrieben, das Werk wirke „allzu lebendig“ und „geradezu zu roh“ – doch genau das traf die Wahrheit über das Leben der kleinen Balletttänzerinnen.

Degas’ Blick ist für uns heute ein einzigartiges Zeugnis der damaligen Gesellschaft ebenso wie der Welt des Balletts.

„Tänzerinnen sind Maschinen zum Tanzen, aber auch zum Leiden. Gerade das interessiert mich – ihre Körper und ihre Ausdauer.“
— Edgar Degas

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Junge Ballettschülerin der Pariser Oper zur Zeit Edgar Degas’
Kleine Ballettschülerin zur Zeit Edgar Degas’
Junge Ballettschülerinnen der Pariser Oper im 19. Jahrhundert auf dem Weg zur Probe
Ballettschülerinnen der Pariser Oper im 19. Jahrhundert
Junge Ballettschülerinnen der Pariser Oper im 19. Jahrhundert beim Training unter Aufsicht des Ballettmeisters
Ballettunterricht in der Pariser Oper im 19. Jahrhundert

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